Keynote

Wie Musizieren das Hören formt – und was das mit Legasthenie zu tun hat
Ergebnisse der zwölfjährigen neurowissenschaftlichen AMseL-Langzeitstudie

Der Vortrag beleuchtet charakteristische Muster und Entwicklungsverläufe der Hörverarbeitung bei Legasthenie und vergleicht sie mit jenen bei typischer Entwicklung sowie bei anderen Lern- und Entwicklungsauffälligkeiten. Grundlage sind Daten der AMseL-Langzeitstudie mit 220 Teilnehmenden, die über einen individuellen Zeitraum von rund zehn Jahren – vom durchschnittlichen Alter von acht bis 18 Jahren – an drei Messzeitpunkten untersucht wurden.

Im Mittelpunkt stehen die neuroplastischen Wirkungen aktiven Musizierens. Bei Legasthenie zeigte sich bereits auf neuroanatomischer und neurofunktioneller Ebene eine atypische Organisation der Hörverarbeitung, die mit einer reduzierten auditiven Diskrimination verbunden war. Aktives Musizieren führte zu einer teilweisen Annäherung an typische Verarbeitungsmuster sowie zu Verbesserungen der Lautdifferenzierung und der Lesekompetenz.

Abschließend wird ein neues Modell vorgestellt, das auditive Defizite bei kindlichen Lern- und Entwicklungsauffälligkeiten differenzierter beschreibt und neue Perspektiven für Diagnostik und Intervention eröffnet.

Univ.-Prof. Dr. Annemarie Seither-Preisler

Univ.-Prof. Dr. Annemarie Seither-Preisler leitet den Arbeitsbereich Musikpsychologie und Gehirnforschung am Institut für Psychologie der Universität Graz. Ihre Forschung beschäftigt sich mit auditiver Wahrnehmung sowie mit der Entwicklung und Plastizität des Hörsystems. Ein zentrales Anliegen ist es, die Wirkungen des Musizierens auf Gehirn, Wahrnehmung und Verhalten von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter systematisch zu untersuchen. Methodisch verbindet sie psychologische und psychoakustische Verfahren mit EEG, MEG und bildgebenden Methoden. Einen wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit bilden gemeinsam mit PD Dr. Peter Schneider durchgeführte Langzeituntersuchungen zur auditorischen Entwicklung und zu ihren Zusammenhängen mit musikalischen, sprachlichen, aufmerksamkeitsbezogenen und schriftsprachlichen Fähigkeiten, insbesondere auch bei Lern- und Entwicklungsauffälligkeiten wie ADHS, ADS und Legasthenie. Darüber hinaus werden Besonderheiten der auditiven Verarbeitung bei Autismus-Spektrum-Störungen untersucht.

Workshop
Inhalte

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